Hintergrund
Amerika ist die einzige zur Zeit bestehende Supermacht. Es ist daher wichtig zu verstehen, welche Prinzipien ihrer Politik zugrunde liegen. Warum unterhält sie, zum Beispiel, grosse und teure Militärstützpunkte in der Bundesrepublik Deutschland, Ägypten, Okinawa Japan, Columbien (gleich sieben), um nur einige zu nennen. Ich benutze kompakte Zusammenfassungen von Teilen eines neuen Buches von Noam Chomsky [1], durch einige Zitate unterstützt, um eine Antwort zu finden.
Noam Chomsky
Noam Chomsky ist einer der bedeutendsten lebenden Wissenschaftler, mit wichtigen, die allgemeine Sprachwissenschaft revolutionierenden Beiträgen, und Beiträgen zur analytischen Philosophie. Er ist Professor emeritus für Linguistik und Philosophie am MIT (Massachusetts Institute of Technology), und man nennt ihn oft den “Vater der modernen Linguistik”. In der breiteren Öffentlichkeit ist er besonders bekannt durch seine Bücher und Essays über politische Entwicklungen unter Berücksichtigung historischer und wirtschaflicher Zusammenhänge. Seine die amerikanische Politik scharf kritisierenden Bücher “Hegemony or Survival” (Hegemonie oder Überleben), “Failed States” (Gescheiterte Staaten), unter anderem, sind Bestseller. Sein jüngstes Buch, “Hopes and Prospects” (Hoffnungen und Aussichten), ist eine Sammlung von Essays über neuere politische Entwicklungen. Das erste Kapitel in diesem Buch (Globalization for whom?) gibt eine präzise Darstellung der geschichtlichen Grundlagen amerikanischer Politik. Welche Prinzipien haben die Handlungen amerikanischer Regierungskreise bestimmt und bestimmen sie? Und sind diese Prinzipien einmalig?

Globalisierung für wen?
Das erste Kapitel von Noam Chomskys Buch behandelt die Folgen der Globalisierung und die ihr zugrunde liegende Ideologie. Ein kurzer Abriss mit einigen Auszügen (in Parenthesen, meine Übersetzungen) folgt.
1. Kolonisierung
Seiten 3-6: Auf den ersten Seiten des Buches erwähnt Chomsky die ” scheusslichen Konsequenzen für die eingeborene Bevölkerung, und bald auch für die hierher gebrachten Afrikaner in einer der schlimmsten Episoden der Geschichte”, die die Kolonisierung der westlichen Hemisphäre hatte. Er erwähnt weiter Grossbritanniens schreckliche Verbrechen in Indien, sowie 1492, “als christliche Eroberer ihre barbarische Herrschaft über die fortgeschrittenste und toleranteste Zivilisation in Europa, das Spanien der Mauren” antraten, was die Zerstörung eines Grossteils des klassischen Lernens zur Folge hatte, ähnlich der durch die Invasion der Mongolen im Iraq verursachte Zerstörung, und der “noch schlimmeren Zerstörung der Zivilisation im Laufe der U.S.-britischen Invasion des Iraqs”.
Chomsky weisst darauf hin, dass die Gründe der europäischen Erfolge die durch den “europäischen Schmutz” verursachten Epidemien waren, die die viel gesünderen Populationen in der westlichen Hemisphäre dezimierten, und die militärische Überlegenheit (und keinesfalls irgendwelche sozialen, moralischen oder natürlichen Vorzüge). Die Eingeborenenen Amerikas und Südostasien waren schockiert über die “alles zerstörende Furie der europäischen Kriegführung”.
Die westliche Hemisphäre zur Zeit vor der europäischen Kolonisierung besass einige der “fortgeschrittensten Zivilisationen” auf Erden. Im östlichen Bolivien, heute eines der ärmsten Länder, existierte eine der “grössten, eigenartigsten und ökologisch reichsten Kulturlandschaften” auf Erden, mit vielleicht einer Million Menschen. In Peru war das Inka-Imperium das grösste auf Erden. In den Vereinigten Staaten lebten vielleicht sieben Millionen Eingeborene, bis 1900 auf wenige hunderttausende reduziert.
Er erwähnt, dass China und Indien die “hauptsächlichen kommerziellen und industriellen Zentren der Welt” waren.
Seiten 7ff. Chomsky hat sich in früheren Büchern eingehend mit Haiti beschäftigt, mit dessen Geschichte er wohl vertraut ist. Hier sagt er, dass Haiti “wahrscheinlich die reichste Kolonie der Erde…die Quelle eines Grossteils des Reichtums Frankreichs” war. Chomsky beschreibt im Detail, wie Haiti 1804 die von den USA und Grossbritannien unterstützten französischen Kolonialherren verjagte, jedoch hohe Reparationen an Frankreich zahlen musste, die bis heute nicht abgezahlt sind und von denen sich Haiti bis heute nicht erholt hat. Erst vor kurzem wurde der demokratisch gewählte Präsident von Haiti, der Zahlung der Reparationen beenden wollte, von den USA und Frankreich vertrieben. Die USA waren bereits früher (1915) in Haiti einmarschiert und hatten die de facto Sklaverei wiederhergestellt, mit vielen tausenden von Toten, und damit den Weg für die Übernahme des Landes durch amerikanische Korporationen frei gemacht (nicht in Chomsky: einer der prominentesten amerikanischen evangelikalen Prediger hat nach dem zerstörenden Erdbeben in Haiti in diesem Jahr öffentlicht erklärt, dass das Erdbeben die Strafe Gottes für den Pakt Haitis mit dem Teufel sei, vor zweihundert Jahren abgeschlossen, um die Franzosen aus Haiti zu vertreiben. Zu einem nach dem verheerenden Erbeben in diesem Jahr einberufenem Treffen der Nationen, die Haiti Hilfe gewährt hatten, wurden Cuba und Venezuela nicht eingeladen, obwohl sie mehr Hilfe als andere gegeben hatten; Venezuela verzichtete sofort auf eine Schuldenrückzahlung, die anderen nicht). Chomsky beschreibt weiter, wie sich der Terror under der Diktatur der Nationalgarden und Präsident Duvalier, unterstützt durch die USA und später (unter Bush I und Clinton) unter einer militärischen Junta weiter verstärkte. “Inzwischen führte neoliberale Wirtschaftspolitik zur Abschaffung dessen, was noch von wirtschaftlicher Sovereignität geblieben war…..”
Seite 24: Chomsky schreibt, wie erstaunt die britischen Eroberer waren über den Reichtum und die vielfältige Zivilisation Bengaliens, von ihnen als einen “der reichsten Preise der Welt” betrachtet. Dacca war “so gross, bevölkert und reich wie die City von London….” 100 Jahre später (unter britischer kolonialer Herrschaft) war die Bevölkerung von Dacca von 150 000 auf 30 000 gesunken in einem Land, das “zu Dschungel und Malaria zurückkehrte”. Die Briten zwangen Bauern, Mohn für die Opiumproduktion anzubauen, Opium exportiert nach China, dessen Häfen im Opiumkrieg zwangsmässig geöffnet wurden, die Chinesen dadurch unerhörten Leiden ausgesetzt. (Nicht in Chomsky: Nach der indischen Autorin Madhusree Mukerjee: Churchill’s Secret War[2], starben mehr als eine Million 1943 in einer Hungersnot in Bengalien, nach Tom Keneally: Three Famines [3] etwa drei Millionen; Churchill lehnte es ab, Schiffe, die Getreide von Australien in das Mittelmeergebiet transportierten, nach Indien umzulenken, obwohl Australien und die USA Hilfe anboten. Hätte er in der gleichen Weise reagiert, wenn es sich nicht um Inder sondern um Briten gehandelt hätte? Richard Toye schreibt in Churchill’s Empire [4], dass dies die Meinung Churchills über Inder war: “Ich hasse Inder, es sind tierische (beastly) Leute mit einer tierischen Religion”, die sich ” wie Kaninchen vermehrten”).
2. Moralität der Kolonisierung
Seiten 16-17: Drei prominente amerikanische Historiker schrieben darüber in einem Standard-Lehrbuch für Oberschulen: “Demgemäss ist die Geschichte der Europäer in der leeren Neuen Welt die Geschichte der Schaffung von Zivilisation wo keine existierte”.
Diese Ansicht wurde geteilt von den kulturellen und politischen Helden der frühen U.S.-Geschichte. Walt Whitman: “Was hat das miserable, nicht effiziente Mexico zu tun mit der grossen Mission, die Neue Welt mit einer noblen Rasse zu bevölkern?” Ralph Waldo Emerson:
“Es ist sehr sicher, dass die starke britische Rasse, die jetzt weite Gegenden des Kontinentes überrannt hat, weiterhin die Spuren beseitigen muss, wie auch Mexico und Oregon, und es wird im Laufe der Zeiten kaum wichtig sein, bei welchen Anlässen und mit welchen speziellen Mitteln das getan wurde”. Der führende Historiker der amerikanischen diplomatischen Geschichte Thomas Bailey schrieb 1969: “…die vereinigten dreizehn Kolonien können sich “auf die Aufgabe konzentrieren, Bäume und Indianer zu fällen…”. George Washington: ” Wir müssen die Eingeborenen dazu bringen, unsere Territorien aufzugeben und sich in die unbegrenzten Regionen des Westens zu begeben – und später werden wir sie zwingen, auch diese zu verlassen, auf dem Weg in den Himmel. Die Territorien wurden unsere unter dem Recht der Eroberung, wie die ‘Eingeborenen’ regelmässig informiert wurden.” Thomas Jefferson “… das Land wird letzten Endes “frei von Schmutzflecken und Vermischung sein, und es wird das Nest sein, von dem aus das gesamte Amerika, Nord und Süd, bevölkert werden wird…..mit Menschen, die die gleiche Sprache sprechen.”
Seiten 19-22: Henry Knox (erster Secretary of State der Vereinigten Kolonien) erklärte im ähnlichen Sinne die völlige Ausrottung aller Indianer in den am dichtesten bevölkerten Landesteilen …. destruktiver für die Eingeborenen als das Verhalten der Eroberer von Mexico und Peru”.
Jedoch wurden auch Vorbehalte ausgedrückt, so von Präsident John Quincy Adams: “…diese unglückliche Rasse der eingeborenen Amerikaner, die wir auszurotten im Begriffe sind mit solch gnadenloser und perfider Grausamkeit …. unter den schrecklichen Sünden dieser Nation, für die Gott – wie ich glaube – uns eines Tages richten wird.”
Jedoch, selbstverständlich und bequemerweise gibt es eine andere Version der Geschichte, ausgedrückt durch den Richter am Obersten Gerichtshof Joseph Story: ” die Weisheit der Vorsehung, von uns einfachen Sterblichen nicht durchschaubar, veranlasste die Eingeborenen, wie ‘gewelktes Laub im Herbst’ zu verschwinden, obwohl die Kolonisten sie immer respektiert haben.” Oder Präsident Monroe: “Wir werden zu wirklichen Wohltätern dadurch dass wir die Eingeborenen aus ihrer Heimat vertreiben”. Oder Präsident Theodore Roosevelt (Friedens-Nobelpreisträger), der sagte, dass die europäische Expansion in den letzten 400 Jahren dem andauernden Nutzen der Eingeborenen diente (nicht in Chomsky: Papst Benedikt stellte auf seinem kürzlichen Südamerikabesuch öffentlich klar, dass die Eingeborenen ja im Grunde die Bekehrung zum Christentum wollten, wofür er scharf von Venezuelas Präsident Hugo Chavez angegriffen wurde).
3. Wirtschaftliche Aggression
Seiten 80 usw.: Abgesehen von direkter militärischer Aggression, unternommen um den wirtschaftlichen Interessen des Aggressors zu dienen, zeigt die Geschichte, dass mächtige Länder wie Grossbritannien und die USA wirtschaftlichen Liberalismus für sich selbst ablehnten, d.h. sie schützten ihre Volkswirtschaften vor unerwünschten Importen, solange es in ihrem Interesse war. Schwächere Länder dagegen wurden mit verschiedenen Mitteln, darunter militärischen, gezwungen, ihre Märkte für Importe zu öffnen. Nach Noam Chomsky schuf dies die dritte Welt. Eines der vielen Beispiele ist Haiti. Erst wenn mächtige Länder ein gewisses Niveau wirtschaftlicher Stärke erreicht hatten, öffneten auch sie ihre Märkte, jetzt Ricardos Prinzip des vergleichweisen Vorteils praktizierend.
4. Die City on the Hill (Stadt auf dem Hügel)
Leuten, die das Schlechte der Kolonisierung sehen wollen, hielt der Kolumist der New York Times Roger Cohn entgegen, dass – im Gegensatz zu anderen Staten – “Amerika als eine Idee geboren wurde, eine Stadt auf dem Hügel” (ein 1630 geprägter Begriff, der die ruhmreiche Zukunft einer neuen Nation, durch Gott geweiht, versinnbildlichte, ein inspirierender Begriff, tief in der amerikanischen Psyche verankert.)
Seite 22 usw.: und dieser Begriff hat die amerikanische Politik bis heute bestimmt, benutzt als ein Vorwand, Cuba zu kolonisieren, die Philippinen in einem mörderischen Krieg anzugreifen, wie auch den Iraq. Man kann den Begriff auch anders formulieren, wie zum Beispiel in der Clinton-Doktrin, gemäss der die USA das Recht besitzen zur “einseitigen Anwendung von militärischer Gewalt”, “um ungehinderten Zugang zu Schlüsselmärkten, Energie- und strategischen Ressourcen zu sichern.”
5. Und dies hat sich durch die Geschichte fortgesetzt und setzt sich heute fort
Chomsky führt zahlreiche Beispiele amerikanischer militärischer und wirtschaftlicher Aggression an, und diskutiert einige ihrer Werkzeuge wie die Weltbank und den Internationalen Monetary Fund, unter anderem.
(Siehe auch http://blog.une.edu.au/klausrohde/2008/02/09/the-worlds-future-at-stake-the-us-elections
Auszüge: “Amerika ist ein Land, das sich in Kriegen wohlfühlt. Gemäss dem Forschungsdienst des Kongresses haben die USA in den 230 Jahren seit der Unabhängigkeitserklärung andere Länder mehr als 200 mal invadiert. In der Geschichte der Nation ist das im Durchschnitt eine ausländische Invasion jede 14 Monate.— Das Budget des Pentagons, nach Korrektur für Inflation, ist ein achtel grösser als der Durchschnitt im Kalten Krieg, obwohl es keine andere Nation gibt, die ein Konkurrent auf gleicher Ebene genannt werden könnte.— Das gesamte Verteidigungsbudget ist grösser als das aller anderen Nationen zusammen.”)
6. Doch Amerika ist nicht einzigartig
Chomsky weist wiederholt darauf hin, dass Amerika nur ein Beispiel imperialer Mächte in der Geschichte ist, die verschiedenartige Rechtfertigungen für ihre Politik benutzt haben, obwohl die Details der Methoden natürlich anders sind (Die Sowjetunion versprach ein Arbeiterparadies auf Erden, und die Nazis wollten die Welt vor den Juden retten, der Wurzel allen Übels, usw. usw.).
1. Noam Chomsky: Hopes and Prospects. Hamish Hamilton, 2010.
2. Madhusree Mukerjee: Secret War, The British Empire and the Ravaging of India During World War II, 2010.
3. Tom Keneally: Three Famines. Knopf, 2010.
4. Richard Toye: Churchills’ Empire, 2010.